Corky II (A16)

Geboren wurde sie in Freiheit in den Wellen des Pazifiks. Fünf Jahre schwamm sie Seite an Seite mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern, ihrer Großmutter, ihren Tanten und Onkeln sowie Cousins/Cousinen. Kurz: mit ihrer Familie, der A23 Matriline von den Northern Residents.

Heute lebt sie in Gefangenschaft in SeaWorld San Diego mit Schwertwalen, die sie in der Wildnis nie getroffen hätte. Auf einem Auge ist sie blind, ihre Zähne sind herunter geschliffen, sieben Babys verlor sie innerhalb von zehn Jahren. Was sie über 41 Jahre am Leben gehalten hat, ist ein Rätsel. Damit jedenfalls ist sie der am längsten in Gefangenschaft lebende Orca der Welt.

Die verlorene Tochter

Corky wurde um 1964 geboren. Ihre Mutter, Stripe (A23), wurde damals zum ersten Mal Mama. Bereits 1967 bekam Corky ein Geschwisterchen (A21), das allerdings fünf Jahre später starb. Nur bekam das die große Schwester nicht mehr mit. Sie wurde am 11. Dezember 1969 gefangen genommen, von ihrer Familie für immer getrennt, aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen und in ein kleines Becken gesetzt, in dem sie täglich ihre Runden schwimmt.

Ein Jahr nach ihrer Gefangennahme starb Corky I, ein Weibchen von den anderen vier Orcas in Marineland California und unser kleines Mädchen bekam ihren Namen: Corky II. Sie wurde ihre Nachfolgerin. Patches starb 1971 und auch das namenlose Männchen starb 1972. Von nun an waren Corky II und Orky, ein mit ihr verwandtes Männchen, allein.

Zu jung, zu unerfahren und zu wenig Platz

Corky und ihr Baby nah beisammen

Corky brachte am 28. Februar 1977 ihr erstes Kalb zur Welt. Niemand wusste, dass sie schwanger war. Der Vater war Orky. Er war es auch, der dem kleinen Jungen an die Oberfläche half, damit dieser seinen ersten Atemzug machen konnte. Leider starb er nach 16 Tagen an einer Lungenentzündung. Er konnte nicht bei seiner Mutter trinken. Daher versuchte man ihn durch Menschenhand zu füttern, aber er verlor weiterhin an Gewicht.

Schon sehr bald gebar sie erneut ein Baby, Spooky, nämlich am 31. Oktober 1978. Das heißt, sie hat sich sehr bald nach dem Tod ihres ersten Nachkommens erneut mit Orky gepaart. Wieder war es ein Junge und wieder mussten Menschen eingreifen, um ihn am Leben zu halten, weil das Säugen bei seiner Mama wieder nicht gelang. Auch er starb nach nur elf Tagen an einer Lungenentzündung und einer Colitis.

Ihr nächstes Baby verlor sie noch in der Schwangerschaft. Am 1. April 1980 hatte sie eine Totgeburt. Das Kalb war acht Wochen zu früh.

Am 18. Juni 1982 brachte sie eine Tochter zur Welt, Kiva. Sie hat von allen am längsten überlebt - 46 Tage. Aber das ist der traurigste und herzzereißendste Ausgang von all ihren Schwangerschaften. Nachdem das Kleine wieder nicht gesäugt wurde, zogen Mutter und Vater das Mädchen auf den Grund des Beckens und ertranken es! Wahrscheinlich waren sie sich bewusst, dass es verhungern würde und wollten ihrem Leiden ein Ende bereiten. Ich weiß es nicht...

Da keines ihrer Babys von ihr gesäugt wurde, weil sie zu früh von ihrer Mutter getrennt wurde, um zu lernen wie es funktioniert oder wie man ein Kalb umsorgt, lehrten die Leute von Marineland es ihr! In den Trainingseinheiten machte sie es gut, nur nicht, wenn es drauf ankam. Am 22. Juli 1985 wurde sie wieder Mutter. Sie brachte wieder ein Mädchen zur Welt. Die gleichen Probleme wie zuvor. So starb auch ihr fünftes Kalb nach einem harten Monat.

Ihre letzten beiden Schwangerschaften waren Fehlgeburten. Am 27. Juli 1986 fand man einen Fötus auf dem Grund des Beckens. Die andere Fehlgeburt hatte sie in 1987 in SeaWorld San Diego, wo sie seit 1987 und bis heute lebt.

Innerhalb zehn Jahren war Corky siebenmal schwanger und die Babys, die sie lebend zur Welt gebracht hatte, starben alle... In freier Wildbahn hätten sie überlebt. Sie hätte gelernt sich um ihren Nachwuchs vernünftig zu kümmern und sie zu säugen. Doch erschwerend kam hinzu, dass sie mit ihrem Kopf die Kleinen davon abhalten musste gegen die Betonmauer des winzigen, runden Beckens zu schwimmen. Dadurch prägten sie sich den weißen Augenfleck ein statt den weißen Bereich um ihre Zitzen. Die natürliche Mutter-Baby-Position konnten sie nicht einnehmen.

Corkys Familie

Leider starb Corkys Mutter in 2000, doch ihre jüngere Schwester Ripple (A43) und ihr kleiner Bruder Fife (A60) schwimmen noch immer durch die Johnstone Strait - dem Gebiet, wo auch sie einst lebte. Außerdem einige alte Matriarchinnen, an die sie sich bestimmt noch erinnert.

Sie spricht heute immer noch in ihrem A5 Pod Dialekt! Das hat sie nicht verlernt und es stellt sich die Frage, was sie stets in Erinnerung bewahrt. Das Rauschen der Wellen? Der köstliche Geschmack ihres Lieblingslachses? Wäre es nicht ein wunderschönes Geschenk sie in eine Bucht in ihrer Heimat zu überführen und dort zu betreuen, wo sie ihre alten Erinnerungen wieder erleben kann? Wo sie die vielen unterschiedlichen Geräusche hören und die unzähligen Pflanzen erkunden kann? Wo sie den Calls ihrer Familie lauschen und antworten kann? Und wenn möglich kann sie sogar eines Tages wie früher mit ihrer Familie umherziehen, aber falls nicht so stirbt sie da, wo sie geboren wurde: in den Wellen des Pazifiks, ihrer Heimat, bei ihrer Familie, in Freiheit.